Kognitive Verhaltenstherapie bei depressiven Kindern und Jugendlichen

von: Richard C. Harrington

Hogrefe Verlag Göttingen, 2013

ISBN: 9783840924835 , 159 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 30,99 EUR

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Kognitive Verhaltenstherapie bei depressiven Kindern und Jugendlichen


 

Kapitel 1 Beschreibung des Störungsbildes (S. 11-12)

1.1 Einleitung

Ziel des ersten Teils ist es, die therapeutische Konzeption des Manuals in den Gesamtzusammenhang des gegenwärtigen Verständnisses depressiver Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu stellen. Zur Depression bei Kindern und Jugendlichen sei weiterführend auf die Publikationen von Mehler- Wex (2008), Groen und Petermann (2011), Ihle et al. (2006, 2012) und Rey et al. (2012) hingewiesen. Die Existenz depressiver Störungen im Kindesalter war lange Zeit umstritten. Heute kann als gesichert gelten, dass auch Kinder depressiv erkranken. Für das Jugendalter war stets anerkannt, dass die Depression dem Störungsbild beim Erwachsenen ähnelt.

Altersunabhängig sind die bedrückt-traurige Grundstimmung, die Hemmung der geistigen Vorgänge und die Beeinträchtigung von Handlungsfähigkeiten. Die Geschichte der wissenschaftlichen Lehrmeinungen zur Depression im Kindesalter und der Pubertät haben Carlson und Garber (1986) in fünf Phasen beschrieben: In der ersten Phase wurde bestritten, dass es depressive Symptome im Kindesalter gebe. In der zweiten Phase sprach man von einer „maskierten Depression“, die präpuberal sich äußere und wesentlich durch eine körperliche Symptomatik gekennzeichnet sei und keine Gemeinsamkeit mit der Depression im Jugend- oder Erwachsenenalter habe. In der dritten Phase erkannte man, dass auch bereits jüngere Kinder die Kernsymptome der Depression Erwachsener zeigen:

• depressive Grundstimmung,
• Freudlosigkeit,
• niedriges Selbstwertgefühl,
• vegetative Symptome wie Schlafstörungen oder Appetitstörungen.

Beim jüngeren Kind kämen jedoch altersspezifische Symptome wie körperliche Beschwerden, sozialer Rückzug, aggressives Verhalten oder Schulverweigerung hinzu. Die vierte Phase mündete in der Annahme, dass die Depression des Kindes der Depression des Erwachsenen gleiche. Schließlich kam man in der fünften Phase zu der Meinung, dass Depressionen präpuberaler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener in einer Reihe charakteristischer altersübergreifender Symptome übereinstimmen, sie sich durch altersspezifische Symptome aber unterscheiden. Die in den fünf Phasen beschriebenen Auffassungen lassen sich nicht zeitlich abgrenzen und sie wurden und werden auch noch nebeneinander vertreten.

Symptome einer Depression sind durchaus häufig, ohne dass man von einer depressiven Störung sprechen müsste. So wurden in der Isle-of-Wight-Studie (Rutter, 1976) 10 % der 10-jährigen Kinder von ihren Eltern als unglücklich eingeschätzt. 40 % der 14-Jährigen bezeichneten sich selbst als unglücklich. Hinzu kommt, dass depressive Symptome Teil anderer psychischer Erkrankungen sein können. Dies gilt z. B. für Essstörungen, das hyperkinetische Syndrom, Lernstörungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, psychotische Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Störungen des Sozialverhaltens.

Die Depression als Erkrankung ist durch eine Summe von unterschiedlichen Symptomen gekennzeichnet. Für die Diagnose einer depressiven Erkrankung sind die Dauer der Symptome, das Symptommuster und der Schweregrad der psychosozialen Beeinträchtigung unter Beachtung altersspezifischer Ausdrucksformen ausschlaggebend.

1.2 Epidemiologie

Bei Vorschulkindern wird gegenwärtig eine Prävalenz unter 1 %, im Kindesalter von 2 %, im Jugendalter von 4 bis 5 % angenommen. Da die depressiven Symptome vielfach als Begleitstörung anderer psychischer Erkrankungen auftreten, sind sie in klinischen Stichproben relativ häufig festzustellen.

Vom Jugendalter an ist die Depressionsrate bei den Mädchen zwei- bis dreifach höher als bei den Jungen. Depressive Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen beginnen meistens im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, bei Kindern depressiver Eltern in der Regel früher. Die Kinder und Jugendlichen nehmen sich tendenziell häufiger als depressiv wahr, als dies Eltern und Lehrer anzugeben vermögen. Es gibt Hinweise darauf, dass in den letzten Jahren depressive Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen.

1.3 Klinisches Bild

Die Symptomatik depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen ist sehr vielgestaltig. Daher verwundert es nicht, wenn das Kind mit Depression leicht „übersehen“ wird, wenn es sozial zurückgezogen, brav, unauffällig und still, niemanden störend ist, auch niemandem auffällt. Eltern und Lehrer nehmen die depressive Entwicklung des Kindes seltener wahr als die Kinder dies subjektiv tun. So ermitteln sich die Symptome nicht allein durch eine Befragung der Eltern, sondern immer auch durch Beobachtungen und Befragungen des Kindes und Jugendlichen – auch ohne Anwesenheit der Eltern.