1812 - Napoleons Feldzug in Russland

von: Adam Zamoyski

Verlag C.H.Beck, 2012

ISBN: 9783406631719 , 720 Seiten

10. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 14,99 EUR

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1812 - Napoleons Feldzug in Russland


 

1

Caesar


Mit dem ersten Schuß aus den Kanonen, die am Morgen des 20. März 1811 vor dem Invalidendom aufgestellt worden waren, senkte sich eine ungewöhnliche Stille über Paris. Karren und Kutschen blieben stehen, Passanten hielten inne, an den Fernstern erschienen Gesichter, Schuljungen schauten von ihren Büchern auf. Jeder zählte mit, als in regelmäßigen Abständen eine Salve auf die nächste folgte. In den Ställen der École Militaire striegelten Kavalleristen der Kaiserlichen Garde ihre Pferde. «Plötzlich ließ ein Böller vom Invalidendom her jede Bewegung erstarren; Bürsten und Striegel verharrten in der Luft», berichtete ein junger Chasseur. «Inmitten dieses Durcheinanders von Männern und Pferden hätte man eine Stecknadel fallen hören können.»[1]

Nachdem sich am Abend zuvor die Nachricht verbreitet hatte, daß bei der Kaiserin die Wehen eingesetzt hatten, gaben viele patrons ihren Arbeitern für den nächsten Tag frei, und diese strömten jetzt erwartungsvoll in die Straßen rund um den Tuilerien-Palast. Die Pariser Börse hatte den Handel am Morgen eingestellt, und die einzigen Finanzgeschäfte, die noch stattfanden, waren Wetten auf das Geschlecht des Kindes. Aber auch bei denen, die nichts gesetzt hatten, war die Aufregung groß. «Man kann sich kaum vorstellen, mit welch ängstlicher Spannung die ersten Kanonenschüsse gezählt wurden», entsann sich ein Zeuge: Jeder wußte, daß einundzwanzig die Geburt eines Mädchens, hundert die eines Jungen verkündeten. «Tiefes Schweigen herrschte bis zum einundzwanzigsten, aber als der zweiundzwanzigste ertönte, brachen die Menschen überall in Paris in Jubelrufe aus.»[2] Die Leute waren außer sich; Wildfremde fielen einander in die Arme und riefen «Vive L’empereur!» Andere tanzten zum donnernden Widerhall der restlichen achtundsiebzig Böllerschüsse auf den Straßen.

«Paris hat nie in seinen großen Festen ein allgemeineres Bild des Frohlockens dargeboten», beschrieb es ein anderer Zeuge, «obschon es ein Werkeltag war, feierte alles.»[3] Ein Ballon stieg auf und trug die berühmte Aeronautin Madame Blanchard in den Himmel, von wo aus sie Tausende gedruckter Anzeigen des glücklichen Ereignisses über das Land verstreute. Reitende Boten stoben in alle Richtungen davon, um die Nachricht zu verbreiten. Am Abend wurden Feuerwerke gezündet und die Hauptstadt leuchtete vom Schein der Kerzen, die selbst in den Fenstern der bescheidensten Mansarde brannten. Theater gaben Sondervorstellungen, Drucker machten sich daran, in großer Menge kitschige Bildchen des kaiserlichen Knaben zu produzieren, die den von himmlischen Wolken getragenen Säugling zeigten, über dessen Haupt Kronen und Lorbeerkränze schwebten, und die Dichter feilten an Oden zum Gedenken an das glückliche Ereignis. «Aber niemals wird man diese Ekstase und den allgemeinen Freudentaumel annähernd schildern können», schrieb der junge Comte de Ségur, «als der zweiundzwanzigste Kanonenschuß der Nation verkündete, daß Napoleon und dem Kaiserreich ein leiblicher Nachfolger geboren worden war!»[4]

Die ersten Wehen der siebenundzwanzigjährigen Kaiserin Marie-Louise hatten am Vortag gegen sieben Uhr abends eingesetzt. Dr. Antoine Dubois, Premier Accoucheur des Kaiserreichs, stand bereit. Bald gesellten sich Dr. Corvisart, Erster Leibarzt, Dr. Bourdier, Leibarzt der Kaiserin, und Napoleons Wundarzt Dr. Yvan, dazu. Der Kaiser, seine Mutter, seine Schwestern und verschiedene Damen des Hofstaats der Kaiserin brachten die Zahl derer, die sich in ihrem Schlafzimmer oder im angrenzenden Gemach um sie kümmerten, auf zweiundzwanzig.

In einiger Entfernung hatten sich die Salons des Tuilerien-Palastes mit ungefähr zweihundert Amtspersonen und Würdenträgern gefüllt, die bei den ersten Anzeichen der kaiserlichen Wehen herbeizitiert worden waren und nun in ihrer festlichen Hofkleidung unbehaglich umherstanden. Von Zeit zu Zeit erschien eine der diensthabenden Kammerfrauen und überbrachte ihnen einen Lagebericht. Als der Abend sich hinzog, wurden kleine Tische herbeigeschafft; man servierte ein leichtes Nachtmahl, Huhn mit Reis zu einem Chambertin. Aber die Stimmung war gedämpft: Im Schlafgemach der Kaiserin ging es offensichtlich nicht reibungslos voran. Gegen fünf Uhr morgens erschien der Kaiserliche Großmarschall und informierte sie, daß die Wehen ausgesetzt hätten und die Kaiserin eingeschlafen sei; die Anwesenden dürften nach Hause gehen, sollten sich aber auf Abruf bereithalten. Einige gingen, aber viele der Höflinge streckten sich erschöpft auf Bänken aus oder rollten Teppiche zu behelfsmäßigen Matratzen zusammen; dann legten sie sich in vollem Hofstaat nieder, um ein wenig Schlaf nachzuholen.

Napoleon war die ganze Zeit bei Marie-Louise gewesen, hatte ihr gut zugeredet und ihr mit aller nervösen Fürsorglichkeit eines werdenden Vaters zu Seite gestanden. Als sie einschlief, sagte Dubois, er könne gehen und sich ein wenig ausruhen. Napoleon brauchte keinen Schlaf. Seine bevorzugte Entspannung bestand in einem heißen Bad, das er als Heilmittel für fast alle Krankheiten ansah, sei es Erkältung oder Verstopfung, unter denen er regelmäßig litt. So nahm er auch jetzt ein Bad.

Er lag noch nicht lange im heißen Wasser, als Dubois über die Stufen einer verborgenen Treppe, die von seinen Gemächern zum Schlafzimmer der Kaiserin führte, zu ihm hinaufeilte. Die Wehen hatten wieder eingesetzt, und der Doktor war besorgt, weil sich das Baby in einer ungünstigen Lage befand. Napoleon fragte ihn, ob Gefahr bestehe. Dubois nickte und zeigte Verzweiflung darüber, daß es bei der Kaiserin zu einer solchen Komplikation gekommen war. «Vergessen Sie, daß sie die Kaiserin ist und behandeln Sie sie wie die Frau irgendeines Krämers in der rue Saint Denis», unterbrach ihn Napoleon und fügte hinzu: «Und was immer geschieht, retten Sie die Mutter!» Er entstieg dem Bad, kleidete sich hastig an und ging nach unten zu den Ärzten am Bett seiner Frau.

Die Kaiserin schrie, als sie Dubois zur Zange greifen sah, aber Napoleon beruhigte sie, hielt ihr die Hand und streichelte sie, während die Comtesse de Montesquiou und Dr. Corvisart sie festhielten. Das Baby kam mit den Füßen voran und Dubois hatte seine liebe Not, den Kopf freizubekommen. Nach reichlichem Ziehen und Manövrieren brachte er es gegen sechs Uhr früh zur Welt. Das Baby wirkte leblos, und Dubois legte es ab, um sich mit seinen Kollegen um die Mutter zu kümmern, die in Gefahr zu schweben schien. Aber Corvisart nahm das Kind auf und begann es kräftig zu reiben. Nach etwa sieben Minuten erwachte es zum Leben, und der Doktor überreichte es der Comtesse de Montesquiou mit dem Bemerken, es sei ein Junge. Napoleon, der nun sah, daß Marie-Louise außer Gefahr war, nahm das Neugeborene in den Arm, stürzte in den angrenzenden Saal, wo sich alle hohen Beamten der Kaiserreichs versammelt und auf das schlimmste gefaßt gemacht hatten, und rief: «Seht auf den König von Rom! Zweihundert Kanonenschüsse!»

Als aber seine Schwägerin, Königin Hortense, kurz darauf zu ihm trat, um ihm zu gratulieren, erwiderte er: «Ich kann kein Glück empfinden – die arme Frau hat so gelitten!»[5] Es war ihm ernst damit. Die erst vor einem Jahr als politische Verbindung geschlossene Ehe hatte bald Züge einer geradezu schwärmerischen Liebesbeziehung angenommen. Marie-Louise, eines von dreizehn Kindern des österreichischen Kaisers Franz II., war der Liebling ihres Vaters gewesen, seine «adorable poupée». Man hatte sie erzogen, Napoleon zu hassen und ihn «den Korsen», «Usurpator», «Attila» oder «den Antichrist» zu nennen. Aber als die Diplomatie es verlangte, beugte sie sich dem väterlichen Willen. Und nachdem sie erst einmal die Freuden des Ehebettes genossen hatte, war ihre Begeisterung für den Kaiser rückhaltlos. Napoleon, den die Vorstellung erregte, eine «Tochter der Caesaren», wie er sie nannte – noch dazu eine, die beträchtlich jünger war als er –, in seinem Bett zu haben, war bald in sie vernarrt, und ihre Ehe war von trauter Zweisamkeit bestimmt.

Während am Abend die Hauptstadt feierte, wurde das Kind nach den uralten Riten des französischen Königshauses getauft. Am nächsten Tag hielt Napoleon eine große Audienz; auf seinem Kaiserthron sitzend nahm er die offiziellen Gratulationen entgegen. Anschließend begleitete ihn der ganze Hof, den Thronfolger anzuschauen, der in einer prächtigen versilberten Wiege lag, einem Geschenk der Stadt Paris. Sie war vom Künstler Pierre Prudhon entworfen worden und zeigte die eine Siegeskrone haltende Gloria und einen jungen Adler, der einem leuchtenden, Napoleon symbolisierenden Stern zustrebte. Die Großkanzler der Ehrenlegion und der Eisernen Krone legten die Insignien ihrer Orden auf zwei Kissen neben das schlafende Kind. Der Maler François Gérard machte sich an die Arbeit für ein Porträt.

Während der nächsten Tage trafen Huldigungen aller Art ein, und Städte im ganzen Land schlossen sich dem...